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06.05.2013, Süddeutsche Zeitung:
MACHTSPIELE IM WOHNZIMMER





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Süddeutsche Zeitung, 06.05.2013
MACHTSPIELE IM WOHNZIMMER
Der Klassiker des psychologischen Ehedramas, 'Wer hat Angst vor Virginia Woolf', im Gautinger Bosco
Wehe, wenn sie los gelassen: Das gilt nicht nur für ungestüme Jugendliche, sondern auch für ältere Ehepaare ohne Illusionen und Jungverheiratete, die dabei sind, ihre Träume zu verlieren. Im Kammerspiel 'Wer hat Angst vor Virginia Woolf?' von Edward Albee sind es Martha, Anfang 50, und George, Mitte 40, Akademiker an einem College einer amerikanischen Kleinstadt. Und ihre Gäste, die Jungverheirateten Nick und seine Frau, die sich nach einer durchzechten Nacht erst im Morgengrauen trennen. Und nun ist nichts mehr so, wie es noch wenige Stunden zuvor schien.
Die Bühne im Bosco ist ein Wohnzimmer im Stil der 60er Jahre. Die Wände sind geschwungen und mit Holz verkleidet, ein beleuchtetes Terrarium, Sessel und Hocker und vor allem die Bar können je nach Bedarf hin und her gerollt werden. Mehr Kulisse brauchen Regisseur Carsten Knödler und seine Schauspieler vom Theater Chemnitz nicht für diesen Klassiker des psychologischen Ehedramas. Die ersten fünf Minuten haben es Susanne Stein als Martha und Philipp Otto als George nicht ganz leicht, gegen die Bilder und Filmszenen in den Köpfen der Zuschauer anzuspielen, gibt es doch kaum jemanden im Publikum, der den Film mit dem legendären Hollywood Traum-/Hasspaar Elizabeth Taylor und Richard Burton nicht gesehen hat. Doch das gibt sich schnell.
Martha und George sind von einer großen Party bei Marthas Vater zurück, dem Gründer des College, an dem George Dozent für Geschichte ist. Sie haben ziemlich viel gebechert, sind zwar noch nicht richtig betrunken, aber in typischer Streitlaune. Den Abend über haben sie das allseits beliebte Spiel 'Wer hat Angst vor Virginia Woolf?' gespielt, eine Abart von 'Wer hat Angst vorm bösen Wolf?', das sie nun fortsetzen wollen. Und dafür und für einen kleinen Absacker haben sie sich den neuen Lehrbeauftragten Nick und seine Ehefrau eingeladen. Doch die jungen Leute lassen auf sich warten. Vor allem Martha ist auf Krawall aus, sie piesackt ihren Mann, macht sich über seine Schwächen lustig. Die Stimmung ist ziemlich geladen, als die Gäste endlich kommen: Nick, ein angehender Dozent für Biologie, nicht für Mathematik, wie Martha zuvor behauptet hat, und seine junge namenlose Frau, die er nur 'Süße' nennt. Martha, die scheinbar die Hosen anhat, ist richtig in Fahrt. Sie spielt mit den Emotionen: Zu gut kennt sie die Schwächen ihres Ehemannes, seine Erfolglosigkeit als Romanautor, seine Familiengeschichte, seine Enttäuschungen. Sie umgarnt ihn, um ihn gleich wieder wegzustoßen. Und George pariert ihre Beschimpfungen mit Zynismus. Auch er ist nicht schlecht im Austeilen.
Das Terrain ist abgesteckt. Nick (Constantin Lücke), der gut aussehende, vielversprechender Junior-Professor, zögerlich zunächst, kann sich den Spielen und Launen der Gastgeber nicht wirklich entziehen. Anders seine Frau, die Süße (Lysann Schläfke), ein Püppchen mit großen fragenden Augen. Sie säuft 'Brandy, pur und ohne Reue', und lacht dazu wie eine Hyäne. Sie hat das große Kotzen, flüchtet immer wieder ins Bad, wo sie sich mal kurz mit Martha verschwistert und ihr etliche Familiengeheimnisse entlockt. Auch wenn sie naiv scheint und durch die Art eines herum flatternden Vögelchens immer wieder beim Publikum Lacher hervorruft, erkennt sie doch die Lügen des älteren Paares besser als ihr kluger Gatte. Der fällt schließlich sogar auf die vermeintlich so taffe Martha herein und lässt sich auf ein kleines Techtelmechtel ein.
Die Machtspiele und Ränke, wie sie an amerikanischen Colleges wohl zum Geschäft gehören, und die Lebenslügen, hinter denen sich Martha und George und auch Nick und Sweetheart verstecken, sind bitter zu schlucken. Und das Ganze ist schließlich kein Spiel mehr, sondern ein emotionaler Machtkampf. Die Schauspieler sind echt und sehr gut, das Publikum ist begeistert. An Taylor/Burton denkt am Ende niemand mehr. Blanche Mamer
Quelle
Süddeutsche Zeitung
Montag, den 06. Mai 2013