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Nach(t)kritik

Fr, 24.11.2023
20.00 Uhr

Fälschermeldungen aus dem Notfallkoffer

Veranstaltung: Sigi Zimmerschied: Dopplerleben - Eine Fälschersaga

Hand aufs Herz: wie schaut es aus mit der Wahrheit? Wer hat sie, wem gehört sie, und gibt es sie überhaupt? Die einen vertrauen auf die normative Kraft des Faktischen, andere glauben etwas von alternativen Fakten zu wissen, und wiederum andere misstrauen allem als „wahr“ Erklärtem, indem sie es zu „fake news“ erklären. Es herrschen schwierige Zeiten für die Wahrheit. Eine ausgezeichnete Ausgangssituation für eine völlig unterschätzte Berufsgruppe: wer jetzt die Profession des Fälschers ausübt, bei dem klingelt die Kasse. Hans Doppler beispielsweise, der sich zuweilen als Sigi Zimmerschied ausgibt, welcher naturgemäß ein schillerndes „Dopplerleben“ führt - dieser Doppler-Hans bietet alles, was das Doppelherz begehrt: neurologische Gutachten mit Arbeitsunfähigkeitsgarantie, Impfausweise in Fällen akuter Hamsterpest oder grassierendem Hirnschwund, virtuelle Freikarten für alle Eventualitäten. Kurz: Hans Doppler ist ein ambulantes Darknet auf zwei Beinen.

Das Fälschen liegt in seiner Familie: schon der Ururahne Giovanni Doppio, Begründer der Dynastie, hat sein Geschäft verstanden und im Keller des venezianischen Barbiersalons nicht nur unerwünschte Mordopfer beseitigt, sondern mit deren Hilfe zugleich Reliquienfälschungen wie Heilige Grabtücher betrieben. Ein Urgroßvater Hans Dopplers konnte mit gefälschten Entnazifizierungszeugnissen dienen. Und der gegenwärtig im Berufsleben stehende Spross, der Doppler-Hans, reagiert zeitgemäß flexibel auf die sich beständig verändernde Nachfragesituation. So hat er sich ein zweites Standbein aufgebaut als Schauspielagentur mit einem großen Portfolio an Diversitäten. Schließlich wollen selbst BR-Redakteure inzwischen gesellschaftliche Zeichen setzen und entsprechend be-setzen: ob er nciht jemanden in seiner Kartei habe, bei dem das Zipfi hinten sei. Nun, da muss selbst der Doppler-Hans passen und zum Doppio Passo werden.

Denn  das Herz und vor allem der Schritt des Fälschers gehören einer Heiligen: Amelie heißt die Angebetete, und ihre Aufgabe in seinem Leben ist die des persönlichen Korrektivs. Amelie isst vegan, vertraut auf den Dalai Lama und die Fünf Elemente und lässt den Doppler-Hans nur heran, wenn er dabei den „Eine-Welt-Blick“ aufsetzt, den man sich etwa so vorstellen muss wie jenen der Oma, kurz bevor sie in der Kirche die Hostie entgegennimmt. „Glück ist, jemanden zu haben, der an allem schuld ist“, sagt die Amelie immer. Und was ließe sich besser fälschen als die Schuld, den kleinen Bruder der Wahrheit? Also legt sich der Doppler-Hans ins Zeug, lässt sich auf Tierwohl-Menues ein, um dann heimlich auf der Toilette die Regensburger Würste aus dem Notfallkoffer zu verspeisen. Nach irgendeinem der zahlreichen Aktivistinnentreffen muss es ihm dann zuviel geworden sein. Aus irgendeiner seltsamen Parallelwelt muss die Wahrheit auf ihn herabgeregnet sein, denn er flüchtet sich in die Resignation, frei nach dem Motto „Resignation ist der eleganteste Weg aus der Lüge“. Doch damit verliert Hans Doppler seine Amelie und die gleichzeitig ihre Aura. Selbst die beste aller Welten ist am Ende doch nur ein Deep Fake und Amelie froh, dass alles aufgeflogen ist und sie zurück in ihr Habitat nach Bogenhausen darf.

Wer aber ist nun Hans Doppler? Ist er tatsächlich Sigi Zimmerschied? Oder haben sich beide mit der Wahrheit auf und davon gemacht und lachen sich auf irgendeiner Herrentoilette vor dem. geöffneten Notfallkoffer ins Fäustchen? Wir werden es wohl niemals erfahren.

Sabine Zaplin, 25.11.2023


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
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Fr, 24.11.2023 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.